Ein Jahr nach Winnenden Verlust der Menschlichkeit
Donnerstag 11.03.2010, 06:26 · von FOCUS-Online-Redakteurin Christina OttenDer Jahrestag des Amoklaufes bedeutet noch einmal Anteilnahme. Danach kehrt der Alltag zurück. Und die eigentliche Ursache für so viel Leid wird verdrängt, mahnen die Angehörigen der Opfer.
11. März, Winnenden. Mehr braucht nicht gesagt werden, jeder weiß, was gemeint ist. Die Tat, die Folgen, die Trauer – ein Jahr danach fahren die Übertragungswagen wieder vor die Albertville Realschule. Dort, wo sich monatelang kaum ein Reporter oder Politiker blicken ließ, werden jetzt wieder Live-Berichte gesendet, Experteninterviews verbreitet, neueste Enthüllungen preisgegeben.
Ein paar Tage, vielleicht eine Woche, so lange kehren die furchtbaren Bilder dieses 11. März 2009 wieder in das kollektive Gedächtnis zurück. Brennende Kerzen, Kreuze, schockierte Kinder, verzweifelte Eltern. Der Jahrestag, wie es so schön heißt, lässt alle nochmals trauern, betroffen und entsetzt sein über die unbegreifliche Gewalt in der schwäbischen Kleinstadtidylle. Und wenn in dieser Woche die Abmoderation der letzten Talkshow zu Waffenrecht, Killerspielen und Jugendgewalt gesprochen ist, ist der Alltag wieder da: neue Themen, neue Sorgen, neue Freuden. Es ist eine natürliche Reaktion des Menschen. Das Leben geht weiter.
Um 9.33 Uhr läuten an diesem Donnerstag in Winnenden die Kirchenglocken. Es ist der Zeitpunkt, an dem der Horror seinen Anfang nahm. Die Tränen der traumatisierten Schüler und der Angehörigen soll diesmal niemand sehen: In einer stillen Trauerstunde werden die Familien unter Ausschluss der Öffentlichkeit gedenken: 15 Menschen, 15 Schicksale, 15 viel zu kurze Leben. Die Eltern des Todesschützen sind nicht geladen. Für die meisten tragen sie eine Mitschuld. Ihre Anwesenheit wäre nicht zu ertragen.
Ein paar Tage, vielleicht eine Woche, so lange kehren die furchtbaren Bilder dieses 11. März 2009 wieder in das kollektive Gedächtnis zurück. Brennende Kerzen, Kreuze, schockierte Kinder, verzweifelte Eltern. Der Jahrestag, wie es so schön heißt, lässt alle nochmals trauern, betroffen und entsetzt sein über die unbegreifliche Gewalt in der schwäbischen Kleinstadtidylle. Und wenn in dieser Woche die Abmoderation der letzten Talkshow zu Waffenrecht, Killerspielen und Jugendgewalt gesprochen ist, ist der Alltag wieder da: neue Themen, neue Sorgen, neue Freuden. Es ist eine natürliche Reaktion des Menschen. Das Leben geht weiter.
„Die anderen wollen wieder vergessen“
Zurück bleiben die Angehörigen. Nur für sie gibt es kein Entrinnen aus dem Schmerz. Sie können den Albtraum nicht abschütteln, der Albtraum ist ihre Realität. „Wir haben lebenslänglich“, sagt Hardy Schober, Vater der ermordeten 15-jährigen Jana über seinen Seelenzustand. „Die anderen wollen wieder vergessen. Doch bei uns kann auch die Zeit keine Wunden heilen.“Um 9.33 Uhr läuten an diesem Donnerstag in Winnenden die Kirchenglocken. Es ist der Zeitpunkt, an dem der Horror seinen Anfang nahm. Die Tränen der traumatisierten Schüler und der Angehörigen soll diesmal niemand sehen: In einer stillen Trauerstunde werden die Familien unter Ausschluss der Öffentlichkeit gedenken: 15 Menschen, 15 Schicksale, 15 viel zu kurze Leben. Die Eltern des Todesschützen sind nicht geladen. Für die meisten tragen sie eine Mitschuld. Ihre Anwesenheit wäre nicht zu ertragen.
dpa 15 viel zu kurze Leben: Kerzen mit den Namen der Opfer
Der 11. März 2010, ist das der Meilenstein in der Aufarbeitung? Hardy Schobers Antwort mag überraschen. Für ihn hat dieses Datum tatsächlich kein Gewicht. Seine Jana, die nur 15 Jahre alt wurde, kann ihm niemand zurückgeben. Diese Erkenntnis treibt Schober auch ein Jahr nach dem Amoklauf in der Schule seiner Tochter in Winnenden täglich um. „Vor diesem Hintergrund bedeutet mir der Jahrestag nichts“, sagt der Vater in einem Interview vor wenigen Tagen.
Gisela Mayer nennt es eine Menschenkatastrophe. „Unsere Welt ist von einem auf den anderen Moment zusammengebrochen.“ Das schreibt die engagierte Ethiklehrerin in einem sehr persönlichen Buch über den Amoklauf. „Die Kälte darf nicht siegen“, heißt der Titel. Es ist ein Gesellschaftsplädoyer der Mutter, die ihre 24-jährige Tochter Nina, Referendarin an der Albertville-Realschule an diese irre Tat verloren hat. Eindrücklich schildert die Mutter, die ein sehr enges Verhältnis zur Tochter „Nan“ hatte und sich mit ihr intensiv über Schule und Pädagogik austauschte, wie ihre SMS-Nachricht am Tag des Amoklaufes „Alles o.k.?” keine Antwort mehr fand.
Eine „Menschenkatastrophe“
Die erste Schockstarre, die Lähmung der ersten Monate ist vielleicht vorüber. Doch die Leere, das Nicht-Begreifen-Können, dass das geliebte Kind für immer entrissen wurde, dieses Gefühl bleibt. Zwölf Monate voller Schmerz und Kampf liegen hinter den Angehörigen. Die Worte des Bundespräsidenten werden in der großen Trauerzeremonie vielleicht kurzen Trost spenden können. Doch an der Katastrophe ändern sie nichts.Gisela Mayer nennt es eine Menschenkatastrophe. „Unsere Welt ist von einem auf den anderen Moment zusammengebrochen.“ Das schreibt die engagierte Ethiklehrerin in einem sehr persönlichen Buch über den Amoklauf. „Die Kälte darf nicht siegen“, heißt der Titel. Es ist ein Gesellschaftsplädoyer der Mutter, die ihre 24-jährige Tochter Nina, Referendarin an der Albertville-Realschule an diese irre Tat verloren hat. Eindrücklich schildert die Mutter, die ein sehr enges Verhältnis zur Tochter „Nan“ hatte und sich mit ihr intensiv über Schule und Pädagogik austauschte, wie ihre SMS-Nachricht am Tag des Amoklaufes „Alles o.k.?” keine Antwort mehr fand.
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von Tatzelwurm
Er sorgt, laut Mayer, für die Trennung zwischen Gewinnern und Verlierern. Zum Glück beinhalteten die damals publizierten langfristigen Ziele dieser Aktionsgemeinschaft auch das Ziel "Verlierer zu akzeptieren". Ich bin wirklich fassungslos, wie diese Tragödie von einigen Leuten instrumentalisiert wird. Antwort schreiben
von Silberwolf1
Die Eltern haben vollkommen Recht und mein vollstes Verständnis bzw. Mitgefühl. In unserem Land wird mehr über die Täter berichtet als über die Opfer und deren Familien. natürlich sind auch die Beweggründe eines Täters wichtig, um vorbeugen zu können. Aber alles bis in kleinste Einzeheitn zu veröffentlichen wird Nachahmer hervorrufen. So war es bisher immer(Flugzeugentführung)! Und bei uns gibt es mehr Täter- als Opferschutz. Die Eltern des Täters sind verantwortlich und müssen hart bestraft werden. Nach dem Gesetz sind alle Waffen sicher zu verwahren. Aber man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass nicht die Waffe, sondern der Täter die Katastrophe ausgelöst hat. Er hätte auch mit einem Auto in eine Lehrer - und Schülergruppe rasen oder Molotow-Coktails verwenden können... Antwort schreiben
von Vindex_sine_nomine
der Täter des Schulmassakers nun bekommt, was er wollte. Die Zeremonie und das Echo in den Medien verschaffen ihm die Unsterb-lichkeit, die er wollte und geben anderen, die Hoffnung durch eine ähnliche Tat eine ähnliche Unsterblichkeit zu erreichen. Mehr als Vorurteile und Sündeböcke hat auch Frau Mayer nicht zu bieten. Unsere Gesellschaft ist verroht und die Eltern des Amokläufers waren automatisch schlechte Eltern? Das ist auch nicht besser als die Haßtiraden gegen angebliche Killerspiele und ihre Spieler. Daß der Täter in psychologischer Behandlung war, leider war er ja schlau genug um mit seiner Therapeutin zu spielen, zeigt eben, daß Tim K. wohl keine Rabeneltern hatte. Die anderen Opferfamilien haben ein Recht zu vergessen und zu vergessen und weiterzu-machen ist auch richtig. Antwort schreiben
von ThomasHempel
je wieder richtig einkehren, die Geschehnisse dort werden immer aktuell bleiben, man kann nicht so einfach dies ausblenden und sagen nun geht es weiter mit der Normalität, zu schlimm ist das gewesen was heute vor einem Jahr dort geschehen ist. Antwort schreiben
von Seufzer
ich verstehe nicht wieso Sie als Vorstandsmitglied des "Bündnisses" sich mit Ihren interessanten, wichtigen und richtigen Punkten nicht durchsetzen können. Weshalb stellen Sie Ihre guten Ansätze und Kritikpunkte hinter den Schuldzuweisungen und der Polemik zurück, mit der das Bündnis meist von sich hören lässt? Ihre Ansätze sind die (einzig) richtigen und diese sollten diskutiert werden. Nicht die Kollektivstrafen, Verbote und Unterstellungen, die immer an die Öffentlichkeit gelangen. Setzen Sie sich durch, Frau Mayer. Das was ich hier über Sie gelesen habe ist das Vernünftige. Finden Sie Lösungen für den Mangel an Menschlichkeit. Sensibilisieren Sie Politiker, Lehrer und Eltern diesbezüglich. Und verhindern Sie, dass das Bündnis weiterhin unschuldige Menschen an den Pranger stellt. Antwort schreiben
von Stephan59
Welche Lehren wurden gezogen aus der Tat vor einem Jahr? Was hat sich positiv geändert? Was muss noch getan werden um solche Ereignisse besser abwehren zu können? Kann man solche Taten überhaupt verhindern? Fragen über Fragen. Die Hauptfrage die sich mir stellt ist aber die, ob wir bei einer erneuten Tat wieder so ohnmächtig dastehen würden wie vor einem Jahr. Antwort schreiben
von sunny555 | 11.03.2010, 09:57
ich glaube schon, dass wir bei einer erneuten Tat wieder so ohnmächtig wären. Denn denken wir an den 26. April 2002. Da gab es bereits schon mal einen verheerenden Amoklauf an einer Erfurter Schule. Es gab damals die gleichen Reaktionen und geändert hat es offensichtlich nicht viel.
von Mainzelmaennchen
...Ihrer Ansicht ist es gerade, die die Gesellschaft verrohen lässt. Antwort schreiben
von Paule73
Man sollte sich mal leiber Gedanke machen wie man verhindert, daß Kinder an Schulen zu seelischen Krüppeln gemobbt werden anstatt auf 10000e unschuldige Legalwaffenbesitzer mit Kollektivstrafen einzudreschen. Mein Hobby geht keinen etwas an und was ich ordnungsgemäß zuhause aufbewahre ebenfalls nicht! Antwort schreiben